Eine Auszeit vom Pflegealltag

Susann Zipfel, examinierte Kinderkrankenschwester im Kinderhospiz,
spricht über ihre Tätigkeit

Susann Zipfel ist 30 Jahre alt, kommt aus Weimar und arbeitet als Kinderkrankenschwester im Kinder- und Jugendhospiz Mitteldeutschland. Ihre zwei gesunden Kinder und ihr Partner unterstützen sie bei ihrem anstrengenden Arbeitsalltag.

Warum haben Sie sich im Kinderhospiz beworben?

"Ich wollte kranke Kinder und Jugendliche pflegen und betreuen. Ich möchte die Zeit haben, eine Familie kennenzulernen und ihre Geschichte zu hören. Ich will wissen, was den Eltern wichtig ist, worauf sie bei der Versorgung ihrer Kinder Wert legen und welche Rituale sie im Alltag leben. Dafür fehlt im Klinikalltag die Zeit. Mein Tag war bestimmt von der Durchführung ärztlich angeordneter diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen, die Verabreichung von Medikamenten, Infusionen und Injektionen, das Legen von Magensonden und Kathetern, die Überprüfung und dann immer wieder die Dokumentation all dieser Maßnahmen. Aber der Mensch selbst blieb manchmal auf der Strecke. Die Eltern wurden oftmals als Störfaktor angesehen. Ich wollte und konnte so nicht mehr arbeiten."

Wo haben Sie vorher gearbeitet,
und was ist der Unterschied zu Ihrer Arbeit im Kinderhospiz?

"Meine Ausbildung habe ich am Uniklinikum absolviert. Danach war ich im Kinderherzzentrum in Oberösterreich. Nach der Geburt meiner Tochter stand die Entscheidung fest, dass ich nicht mehr in einer Kinderklinik arbeiten möchte. Vom Kinderhospiz Mitteldeutschland wusste ich da bereits, aber der Bau war noch nicht abgeschlossen. Deshalb habe ich mich für die Arbeit in einer Kinder- und Jugendärztlichen Gemeinschaftspraxis in Erfurt entschieden. Später bekamen wir unser zweites Kind. Das Kinderhospiz hatte gerade eröffnet, es hat alles gepasst, und ich bin direkt nach der Elternzeit nach Tambach-Dietharz gegangen und darf endlich so arbeiten, wie ich es mir vorgestellt habe, als ich mich vor 13 Jahren für die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester entschieden habe."

Wie sieht Ihr normaler Tagesablauf aus?

"Alle Gastkinder dürfen bei uns ausschlafen, das ist irgendwann zwischen 5 und 11 Uhr. Sie werden anschließend pflegerisch versorgt. Im Normalfall frühstücken wir gemeinsam. Nach dem Frühstück sorgen wir für etwas Action: Das kann ein Musikkreis mit unserer Reha- Pädagogin sein oder ein Kreativangebot. Wir haben schon im Herbst getanzt, eine Blätterschlacht veranstaltet oder Schnee in großen Schüsseln ins Haus geholt. Es gibt da keine Grenzen, außer der eigenen Fantasie. Bei schönem Wetter sind wir viel und gerne draußen. Wer darf, kann ins 36 Grad warme Wasser in unserem Therapiebad. Zur Erholung und Entspannung machen wir im Anschluss meist was Ruhiges. Vorlesen, Musik hören, eine Hand- oder Fußmassage. Danach Mittagessen, anschließend eine Mittagsruhe, und das muss definitiv nicht im Zimmer oder im Bett sein. Das kann die Hängematte, unser Wasserbett oder die große Liegezone sein. Aber wer seine Ruhe braucht, kann auch in sein Zimmer. Ist die Frühschicht zu Ende, übernimmt der Spätdienst. Gemeinsames Kaffeetrinken, ein aktives Angebot, je nach Wetter und Möglichkeiten. Wann es nach dem Abendessen ins Bett geht, entscheiden die Kinderoder ihre Eltern, nicht das Dienstende einer Schwester. Das kann alles sein, von 18 Uhr bis open end. Alle diese Aktivitäten werden über den gesamten Tag intensivpflegerisch begleitet. Später übernimmt der Nachtdienst, der aus mindestens zwei Schwestern besteht."

Wie schaffen Sie die Distanz zwischen Betroffenheit
und professioneller Arbeit?

"Das Schöne: Ich darf auch als "professionelle examinierte Kinderkrankenschwester" betroffen sein. Distanz ist wichtig für die eigene Gesundheit, aber genauso wichtig ist es, mit einem kranken Kind lachen, aber auch mit einer weinenden Mutter weinen zu dürfen. Ich kann mich neben ein Kind kuscheln, es in den Arm nehmen, bis es eingeschlafen ist. Jeder sucht sich seinen eigenen Weg. Ich habe für mich beschlossen, dass ich jeden gleichermaßen als Gast ansehe. Auch, wenn man sich durch den gemeinsamen Weg sehr gut kennenlernt, sind Gäste für mich keine Freunde. Das ändert aber nichts daran, dass ich mich genauso auf ein Wiedersehen freue oder geknickt bin, wenn ich einer Familie nicht "Auf Wiedersehen" sagen kann. Nach Dienstende habe ich eine Stunde Fahrtweg Zeit, um mein eigenes Tagesresümee zu ziehen und umzuschalten von Kinderkrankenschwester auf Mama."

Gibt es ein besonderes Erlebnis im Kinderhospiz,
woran Sie sich besonders gern erinnern?

"Da gibt es so viele schöne und ebenso viele traurige Momente, an die ich mich gern erinnere. Ich habe mal einen ganzen Spätdienst mit einem wenige Monate alten, voll beatmetem Mädchen auf dem Arm im Sessel am Fenster gesessen, Musik gehört, vorgelesen und dem Schneetreiben zugeschaut."

Würden Sie sich wieder für Ihren Job im Kinderhospiz entscheiden?

"Kurz und knapp: Ja! Ich habe mir diese Entscheidung damals nicht leicht gemacht. 130 km Fahrstrecke am Tag wollen erstmal gefahren werden, vor allem, wenn es drei Kinderkliniken vor der Haustür gibt. Drei-Schicht-System. Wochenenddienst. Feiertage. Ich habe mir das Haus angeschaut und gesehen, dass hier jeder Tag aktiv gelebt wird und habe das Team und die Familien kennengelernt. Das war vor dreieinhalb Jahren."

Vielen Dank für das Gespräch. Das Gespräch führte Stephan Masch.

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  •  Marion Werner,

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